26.04.2026 / Peter Köhler

Gedanken von vor 40 Jahren

Heute vor 40 Jahren explodierte der Reaktor 1 im Atomkraftwerk Tschornobyl. Wir in Deutschland haben davon erst einige Tage später erfahren. Die Wolke war längst angekommen, in manchen Regionen auch abgeregnet, und die deutschen Katastropheneinrichtungen waren erschreckend unvorbereitet. Im Landkreis Konstanz hat Dr. Robert Maus, damals Landrat, allerdings zupackend reagiert und mit den Physikern der Universität um Prof. Ekkehard Recknagel, dem Feuerwehrchef Rudolf Santo, und weiteren Fachleuten sofort einen Krisenstab gebildet, der nicht nur beruhigende Verlautbarungen, sondern auch echte Vorsorgemassnahmen herausgab. Der Freilandsalat wurde damals vernichtet, der Spielplatzsand ausgetauscht, die Strassen mit Wasserwagen abgespült. Die Milch wurde täglich geprüft und blieb trinkbar, auch weil die Bauern dazu übergegangen waren, unbelastetes Silofutter zu verfüttern. Wir zogen unsere Schuhe vor der Haustür aus und bunkerten Jodsalz. Es dauerte nur einige Monate, bis die Strahlenbelastung merklich zurückging und unser Leben in Westeuropa sich normalisierte.
 
Nicht aber das Leben der vielen Menschen, die in der Ukraine, Belarus, und Russland evakuiert worden waren. So wurde aus einer Zeit der Angst auch eine Zeit des Lernens. Wir haben damals gelernt, dass die Risiken der Atomenergienutzung sich nicht auf ein Gebiet, auf einen Staat, auf eine Hemisphäre der Welt begrenzen lassen. Wir haben gelernt, dass wir diese Risiken mit allen Menschen, auch denen hinter dem eisernen Vorhang, teilen. Wir haben damals begonnen, uns international und regional zu engagieren, zu organisieren. Und wir hatten Erfolg: Deutschland wurde (nach einigem Hin und her und einer weiteren Atomkatastrophe) kernenergiefrei.
 
Bis jetzt jedenfalls. Denn immer häufiger fordern Industrievertreter und Politiker neue, „bessere“, „inhärent sichere“ Atomkraftwerke auch in unserem Land. Wir haben viel erreicht – doch eines haben wir nicht erwartet: Dass jede Generation die Erlebnisse ihrer Vorgänger so schnell vergisst.
 
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Abbildung: European Commission 1989: Atlas of caesium deposition on Europe after the Chernobyl accident